Rolf Nucklies - Mister Stabhochsprung aus Wiesbaden
  25.03.2019 •     Senioren


Es gibt viele, die höher gesprungen sind als er. In Hessen, in Deutschland sowieso. Seine Lebensbestleistung steht bei 4,70 Meter, über diese Höhe katapultierte ihn der Stab im Jahr 1984. Damals startete Rolf Nucklies für den USC Mainz. In Hessen stammt sein Bestwert aus dem Jahr 1978. 24 Jahre jung war er damals, als die Latte bei 4,50 Meter liegenblieb, in der ewigen HLV-Bestenliste bedeutet dies Notierung 87. Es wäre also übertrieben zu behaupten, dass Nucklies im Aktivenbereich ein Senkrechtstarter gewesen ist. Richtig in Fahrt kam seine Karriere erst in den Masters-Klassen. Er hält die hessischen Bestleistungen in der M40 (4,41/1995), M45 (4,35/1999), M50 (4,00/2004), M55 (3,85/2010) und M60 (3,80/2014). Und wenn er am nächsten Donnerstag, 28. März, bei den Senioren-Weltmeisterschaften in Torun (Polen) anläuft, gehört der 64-Jährige wieder zu den Favoriten. „3,40 oder 3,50 Meter wären eine gute Höhe.“

Eine Geschichte über einen Getriebenen, der einfach immer weiter macht und in seiner Jugend bei der Bundeswehr-Musterung wegen Auffälligkeiten im Rücken als untauglich durchfiel.

Nucklies hätte längst aufhören können. Gründe gäbe es einige in seinem Alter: mentale Erschöpfung, körperliche Ermüdung und Verschleiß in einer Disziplin, die dem Körper extrem viel abfordert. Er hat eine Schulteroperation und einen dreifachen Bandscheibenvorfall hinter sich, aktuell zwickt das Iliosakralgelenk, Linderung verschafften Physiotherapie und osteopathische Behandlungen. Doch Nucklies wird am Dienstagmorgen in seine schwedische Limousine steigen, die Stäbe sind auf dem Dach festgezurrt, neben ihm sitzt dann ein befreundeter Altersklassen-Leichtathlet aus Stuttgart. Und dann geht es los, 960 Kilometer nach Torun. Dreimal hat er schon gewonnen bei internationalen Titelkämpfen - 1994 bei den World Masters Games in Brisbane (Australien/M40, 4,15), 2013 bei der Senioren-Hallen-EM in San Sebastian (Spanien) und vor fünf Jahren bei der Hallen-WM der Senioren in Budapest (Ungarn). Hinzu kommen beinahe unzählige Silber- und Bronzemedaillen. Nicht zu vergessen acht deutsche Seniorentitel

„Stabhochsprung ist schon so ein bisschen wie eine Sucht“, sagt Nucklies. „Aber es geht nicht mehr darum, etwas zu gewinnen.“ Sein Körper hat ihn zuletzt ziemlich demütig gemacht. Wie bei allen Seniorensportlern im gehobenen Alter stellt man sich die Frage, warum er dies noch immer auf sich nimmt: das Training, die Arztbesuche, den ganzen Aufwand. „Früher bin ich den Guten und der DM-Norm immer hinterhergesprungen“, sagt er über seine Motivation. Einmal fehlten fünf Zentimeter. Bei den wirklichen großen Wettkämpfen war Nucklies in der Aktivenklasse nie dabei. Aber seit 25 Jahren bei den Senioren. „Ich bin relativ fit und kann jetzt gegen Athleten gewinnen, die früher 5,30 Meter gesprungen sind.“ Das treibt ihn an. „Und die Masters-Leichtathleten sind eine Gemeinschaft, eine Familie.“

Begonnen hat alles im Alter von zwölf Jahren beim TV Biebrich. Das Ergebnis des ersten Stabhochsprung-Wettkampfes: 1,90 Meter. Nucklies und die Vereine, auch so ein Thema. Von dem Stadtteil-Klub in der Landeshauptstadt ging es weiter zum SV Wiesbaden, weiterhin sind gelistet: ASC Darmstadt, USC Mainz, LAV Wiesbaden, Wiesbadener LV, TV Idstein, TSG Oberursel, LG Lahn-Aar-Esterau, seit 2014 trägt Nucklies das Trikot von Eintracht Wiesbaden. Die Leichtathletik, der Stabhochsprung ließ ihn nie los. Im Gegenteil, hatte ihn immer fester im Griff.

Schon als Diplom-Ingenieur sattelte er in Mainz noch sechs Studiensemester Sport obendrauf, wurde protegiert vom legendären Sportprofessor Berno Wischmann, arbeitete zeitweise in der DLV-Auslandstrainerakademie. 2005 begann bei der Staatsanwaltschaft Wiesbaden der Aufbau des kriminalpädagogischen Jugendprojekts „Teen-Court“. Was das ist? In Kurzform „richten“ drei Schüler nach einer Straftat in einem informellen Verfahren über geständige jugendliche Ersttäter. Nucklies leitet das Projekt, ist in Büros in Wiesbaden und Limburg tätig. Und hat auch in seiner außersportlichen Freizeit einiges zu tun. Er malt, Ausstellungen inklusive, zudem wollen seine Harley-Davidson-Bikes gepflegt und bewegt werden. Beinahe vergessen: Als Ersatzmann ist er zudem in der Tennis-Bezirksoberliga der Herren 65 eingeplant.

Doch ein Leben, auch nur einen Sommer ohne Stabhochsprung? Nucklies denkt nach. Ja, das gab es. 1977, als er bei einem Wettkampf in Neckargemünd beim Absprung eine Adduktorenzerrung erlitt, der Sprung komplett misslang, der Wiesbadener eine Zeit lang bewusstlos auf der Matte lag und der Verdacht auf Genickbruch bestand. Die Pause dauerte lange, sehr lange. Viele Monate. Ansonsten wären noch mehr Stabhochsprung-Wettkämpfe in seiner Statistik als die rund 400 im Laufe von 52 Jahren.