Quo vadis, Sarah Kistner?
  03.04.2019 •     Leistungssport


Die Antwort kommt spontan. Irgendwie hatte Sarah Kistner wohl damit gerechnet. Hatte ich eigentlich schon konkret danach gefragt? „Ich habe mit dem Leistungssport nicht aufgehört. Absolviere aktuell aber keine Wettkämpfe“, sagt Sarah Kistner mit ruhiger Stimme. Man hat lange nichts gehört von der 21-jährigen Mathematikstudentin, die vor nicht allzu langer Zeit zurecht als herausragendes Langlauf- und Berglauftalent beschrieben und beinahe in einem Atemzug mit Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh genannt wurde. Zuletzt ist es ruhiger geworden um sie. Beinahe still. Ihre Leichtathletik-Karriere steckt in der Warteschleife. Es ist eine schwierige Zeit für die Nachwuchsathletin aus Kronberg, die mittlerweile einen Wikipedia-Eintrag hat, bei dem man viermal scrollen muss, um ans Textende zu gelangen.

Sarah Kistner war schon in jungen Jahren schnell, sehr schnell. Und in der U20-Nachwuchsklasse ungemein erfolgreich. Ein Auszug aus der Statistik: Mannschafts-Weltmeisterin im Berglauf mit dem Team (2014), Europameisterin im Berglauf (2015), Fünfte der EM über 5.000 Meter (2015), Team-Europameisterin bei der Cross-EM und Sechste im Einzel (2015). Auf der Straße lief Sarah Kistner im Oktober 2016 in Glasgow über die Halbmarathonstrecke deutschen U20-Rekord (1:13:41 Stunden), doch bei der Nachmessung stellte sich heraus, dass die Strecke knapp 150 Meter zu kurz war. Alle Zeiten wurden annulliert. Noch einmal gab es ein Spitzenresultat, im September 2018 als Dritte der deutschen Berglaufmeisterschaften. Dieses Mal in der Aktivenklasse.

„Ich werde nichts überstürzen“, sagt Sarah Kistner. „Das kann nur nach hinten losgehen.“ Im vergangenen Jahr hat sie insgesamt nur vier Wettkämpfe bestritten, allesamt am Berg. Beide Achillessehnen verursachten mehr und mehr Schmerzen, an Tempoläufe war nicht zu denken. Ihre Krankenakte umfasst zudem eine angerissene Sehne im Fuß sowie eine Operation an der sogenannten Haglundferse, das ist eine knöcherne Vorwölbung, die an der Innenseite des Schuhs reibt. Darunter leidet Sarah Kistner seit drei Jahren, geerbt habe sie diese Erkrankung von ihrem Vater. Und vor einer Woche wurde erkannt, dass ihr kompletter Rücken erhebliche muskuläre Dysbalancen aufweist, dank Physiotherapie hätten sich die Beschwerden aber schon stark gebessert.

„Sarah erholt sich noch immer von ihrer Verletzungsserie“, sagt ihr Trainer Martin Luetge-Varney. „Aktuell ist sie aber auf einem recht guten Weg.“ Doch man habe keine Eile. Und wenn es in absehbarer Zeit ein Comeback gebe, dann nur im Berglauf. „Organisch ist Sarah in einem ganz hervorragenden Zustand.“ Sarah Kistner und Luetge-Varney sehen sich derzeit einmal pro Woche, bei Stabi-Übungen in Kronberg. Ansonsten trainiert sie mit dem Rennrad. „Das macht auch viel Spaß.“ In diesem Kontext will sie am 1. Mai wieder beim Traditions-Rennen in Frankfurt starten. Die Distanz: 90 Kilometer. Auf dem anspruchsvollen Kurs wird Sarah Kistner dann mehr als drei Stunden im Sattel sitzen.

In zwei Wochen beginnt für sie das sechste Semester an der Frankfurter Goethe-Universität, ihr Spezialgebiet ist die Analysis, genauer Differentialgleichungen. Die junge Dame ist im Hörsaal sehr gut in der Zeit. Wann Sarah Kistner das Laufen wieder so leichtfallen wird wie das Studium, ist leider nicht kalkulierbar.