Zeitreise: Die Hessenmeisterschaften 1987
  26.12.2018 •     Leistungssport , Wettkampfsport


1987. In diesem Jahr wurden unter anderen Magdalena Neuner, Sami Khedira, Andrea Petkovic, Sandro Wagner und Kevin-Prince Boateng geboren; Steffi Graf gewann mit den French Open ihr erstes von insgesamt 22 Grand-Slam-Turnieren. Und es fanden in Fulda die hessischen Leichtathletik-Meisterschaften statt. Am vorletzten Juni-Wochenende. Ja, vieles war anders damals. Nicht zuletzt die Berichterstattung. Es gab kein Internet, folglich keine Webseiten, kein Facebook, kein Instagram, kein Twitter und, und, und. Was es gab, waren Printprodukte und die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. In diesem speziellen Fall ist der Hessische Rundfunk zuständig gewesen, er schickte seinen Reporter Wolfgang Avenarius in den Sportpark Johannisau. Ave, wie er in der Journalistenszene genannt wurde, war einst über 100 Meter immerhin 10,9 Sekunden schnell und ist heute 80 Jahre alt. Er begann seinen Bericht, der eine Länge von 5:41 Minuten (!) hat, mit den Worten: „Es sind ja nicht mehr so viele, auch in Hessen, mit denen zurzeit international Staat zu machen ist.“ Sein Resümee der Veranstaltung: „… wahrlich nicht viele Höhepunkte … die Leistungen ließen leider oft zu wünschen übrig.“ 31 Jahre später kann man ob dieser Einschätzungen nur erstaunt die Stirn in Falten legen.

Damals in Fulda am Start: Harald Schmid, deutsche Leichtathletik-Ikone und erfolgreichster hessischer Leichtathlet, er gewann mit dem TV Gelnhausen die 4x100-Meter-Staffel in 40,72 Sekunden. Damals am Start: Edgar Itt, DLV-Jahresbester über 400 Meter (45,55) und in Fulda über 200 Meter erfolgreich (21,58). Damals am Start: Margrit Klinger, sie holte sich den 800-Meter-Titel in 2:02,80 Minuten (p.B. 1:57,22!). Gabi Lesch war Schnellste über die Stadionrunde (53,98), Hartmut Eifler gewann den Weitsprung mit 7,92 Meter, der Autor dieser Zeilen den Hochsprung (2,25) vor Gerd Nagel, der als DLV-Jahresbester seinerzeit 2,34 Meter stehen hatte. Im Speerwurf der Männer lieferten sich der spätere deutsche Meister Klaus-Peter Schneider (75,54) und der aktuelle  Hessenrekordhalter Peter Blank (76,34) einen hochklassigen Zweikampf, Olympia-Halbfinalist Uwe Schmitt wurde 400-Meter-Hürden-Meister (51,29). Die spätere Olympiavierte Sabine Richter (4x100 Meter) zeigte über 200 Meter in 24,25 Sekunden ihre Klasse.

Warum dies überhaupt erwähnenswert ist? Weil es dokumentiert, wie sich die Leistungen und deren Bewertung in drei Jahrzehnten verschoben haben; weil es belegt, dass damals auch die besten Hessen - aus unterschiedlichen Gründen - bei Landesmeisterschaften am Start gewesen sind. Und weil es für die aktuelle Generation womöglich ein Signal sein kann, sich nicht allzu früh und beliebig zufrieden zu geben, auch wenn die Zahl der Likes und Follower ständig größer wird. Und es durchaus lohnend sein kann, einen Blick zurück zu riskieren, um eigene Leistungen im historischen Kontext einordnen zu können.      

Selbst Schwerathleten wie Jürgen Riese (Diskuswurf 53,50) und Stefan Schröfel (Kugelstoßen 16,94), die in Fulda ziemlich weit unter ihren persönlichen Möglichkeiten blieben, würden heutzutage die Hessenwimpel im Vorbeigehen gewinnen. Was selbstverständlich nicht den Stammtisch-Verdacht aufkommen lassen soll, dass damals alles besser gewesen ist. Denn klinisch rein waren in den 80er Jahren auch im Westen Deutschlands längst nicht alle Spitzenathleten. Im Gegenteil.

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