Hans Baumgartner zum 70. Geburtstag
  28.05.2019 •     Verbandsnews


Sein größter Sprung fiel in eine Epoche, als der Westen Deutschlands im Umbruch war. Die Studentenproteste hallten noch nach, die Hippie-Bewegung hatte sich Raum verschafft, Willy Brandt war der erste SPD-Kanzler - da passten die Olympischen Spiele 1972 in München passgenau ins Bild von einer anderen, weltoffenen, fröhlichen Bundesrepublik. Diesen Eindruck vermittelte die luftige Dachkonstruktion des Münchner Stadions, die Freundlichkeit der Polizisten, alles war irgendwie bunt. Selbst Dackel „Waldi“, das offizielle Maskottchen, war in diesem Sinn gestaltet worden. Es gab medial präsentere DLV-Leichtathleten als Hans Baumgartner vom TV Heppenheim bei den Spielen vor 47 Jahren. Etwa Heide Rosendahl, Klaus Wolfermann und Ulrike Meyfarth. Doch das Weitsprung-Silber des damals 23-jährigen Studenten steht exemplarisch für seine Karriere. Denn weiter als jene 8,18 Meter am 9. September 1972 ist Baumgartner vorher und nachher nicht gesprungen. Am 30. Mai feierte einer der erfolgreichsten hessischen Leichtathleten seinen 70. Geburtstag.

Die Visitenkarte ist mehr als zehn Jahre alt, aber die Mobilfunknummer stimmt noch. Der letzte Erstkontakt ist schon länger her. Nach ein paar Minuten duzen wir uns, dies gehört im Sportbetrieb, nicht nur unter Ex-Leichtathleten, zum guten Ton. Baumgartner wird nicht viel Aufhebens machen an seinem Ehrentag, rund um das erwähnte Datum gebe es einige kleinere Feiern mit der Familie und Freunden. Aber keine Mega-Party. Einige Bekannte aus der Leichtathletikszene hat er erst kürzlich bei einem traurigen Anlass getroffen, der Trauerfeier seines Entdeckers und langjährigen Erfolgstrainers Hansjörg Holzamer.  

Als Baumgartner aus dem südbadischen Waldshut nach Heppenheim umzog, im Frühjahr 1967, reiste er in einem VW Käfer Baujahr 1953 an und mietete sich in einem möblierten Zimmer ein. Er hatte eine Lehre als Technischer Zeichner für Heizungs- und Lüftungsbau abgeschlossen und trat in Südhessen eine erste Stelle an, war 18 Jahre alt und sein „väterlicher Mentor“ Holzamer setzte nicht nur in sportlichen Belangen die Impulse. „Er gab den Anstoß für meinen zweiten Bildungsweg“, sagt Baumgartner. Er besuchte eine Aufbau- und eine Fachoberschule, legte die Mittlere Reife und die Hochschulreife ab, studierte später in Darmstadt an der Technischen Fachhochschule und wurde Diplom-Ingenieur mit eigenem Büro. Noch im Unruhestand, also heute, betreibt er in Mörlenbach ein Ingenieurbüro für Technische Gebäudeausrüstung mit sechs Mitarbeitern.

Auch sportlich ging es schnell aufwärts. Der langjährige HLV-Chronist Fritz Steinmetz hat im Jahr 1990 alle Erfolge niedergeschrieben, zur kompletten Statistik geht es hier. In Kürze die wichtigsten Fakten: zwei Olympia-Teilnahmen, zwei Starts bei Europameisterschaften, drei Titel bei Hallen-Europameisterschaften, zehn deutsche Titel, Platz zwei beim Weltcup 1977 in Düsseldorf. Mit knapp drei Jahrzehnten Abstand gerät Steinmetz‘ Formulierung, dass sich die Erfolgsbilanz Baumgartners „sehen lassen kann“, drastisch in Schräglage. Mehr hat in Hessen nämlich nur Harald Schmid in seiner Vita stehen. Vom Bundespräsidenten wurde dem Weitspringer im Jahr 1972 das Silberne Lorbeerblatt verliehen.

Für Baumgartner wären größere Weiten möglich gewesen. Er wusste es, ebenso der renommierte Sportwissenschaftler Toni Nett, der auch bei der EM 1974 in Rom entsprechende Analysen vornahm. 8,50 Meter hätte Baumgartner damals springen können, doch er traf den Balken nicht richtig oder trat wenige Millimeter aufs Plastilin. In die Wertung gingen 7,93 Meter und Platz vier. Eine völlig andere Grundeinstellung („Wir waren physisch meistens zu verkrampft“) hatte er bei der Olympia-Qualifikation 1976 in Dortmund. Den ganzen Tag zuvor hatte er auf dem Grundstück seines Schwiegervaters Zäune aufgestellt, war eigentlich körperlich ausgepowert. Eine Nacht später sprang er auf Anhieb 8,09 Meter. „Das hat mir gezeigt, was Lockerheit ausmacht.“

Ins Wanken war die Karriere Baumgartners zwei Jahre zuvor geraten, als er einen Achillessehnenanriss im linken Sprungbein erlitt („Das war eine Zäsur“), 1992 riss ihm bei einem Prominenten-Fußballspiel die rechte Achillessehne. In den 1990er Jahren war er auch Vorsitzender des TV Heppenheim, wohlwissend, dass so ein Posten nicht seinem Naturell entspricht. Allianzen schmieden, politisch handeln, Intrigen ausgesetzt sein, all dies ist nicht Baumgartners Stil. „Es war keine einfache Zeit“, sagt er rückblickend. Auch, weil seine talentierte Tochter schon mit 14 Jahren aus gesundheitlichen Gründen ihre Leichtathletikkariere beenden musste.

Heute läuft er gerne frühmorgens von seinem Wohnort Alsbach bei Darmstadt hoch auf das Schloss und zurück. Etwa 45 Minuten. Na ja, laufen, sagt Baumgartner. „Es ist eher Walking.“ Auch mit dem Rad ist er unterwegs. Der Kontakt zur längst völlig veränderten Welt der Leichtathletik hängt an Einzelpersonen, etwa an Hans Pfister. Und der Blick auf seine Sturm-und-Drang-Zeit, als er sich mit dem Nonkonformisten Holzamer auch über Literatur und Politik ausgetauscht hat, verdeutlicht den Zeitenwandel. Baumgartner war mittendrin in einem gesellschaftlichen Umschwung, die Jungen wollten „den Mief der alten Republik“ loswerden; er war inspiriert von den Beatles und hat sich vom Handwerker zum Akademiker hochgearbeitet. Das alles klingt nach Umdenken im Kopf, nach Basisarbeit Und die Leichtathletik?

2009 war Baumgartner als Gast zur WM in Berlin eingeladen, viele Wettkämpfe im Olympiastadion haben ihn begeistert. Aber: „Es war so laut, dass ich mich nicht mit meinem Sitznachbarn unterhalten konnte. Die Sensation und der Eventcharakter waren wichtiger geworden.“