EM-Vorschau: Bühne frei für Berlin!
  03.08.2018 •     Leistungssport , Wettkampfsport


In Kürze beginnt im Berliner Olympiastadion die Leichtathletik-Europameisterschaft. Das exakte Zeitfenster dürfte jedem Fan der olympischen Kernsportart bekannt sein, es ist der 6. bis 12. August. Los geht’s also am Montag. Es wird auch Zeit. Denn wir alle sind in den zurückliegenden Monaten überflutet worden mit einem Koppel-Wort, das glücklicherweise seit der DM in Nürnberg in der Berichterstattung nicht mehr vorkommt: EM-Norm. Kaum eine Überschrift und schon gar kein entsprechender Text auf dem DLV-Mitteilungsportal leichtathletik.de kam ohne EM-Norm aus. Seit Fakten geschaffen wurden mit der finalen Nominierungsrunde ist damit Schluss und es kann losgehen. Auch für die zehn hessischen Athletinnen und Athleten, die sich qualifiziert haben.

Zehn, denn Michael Pohl vom Sprintteam Wetzlar musste seine Teilnahme an der 4x100-Meter-Staffel verletzungsbedingt streichen. In Berlin dabei sind auch elf HLV-Kampfrichter, fünf Trainer, die in Hessen keine Unbekannten sind (Jürgen Sammert, Georg Schmidt, Volker Beck, Katrin Dörre-Heinig, Wolfgang Heinig) sowie drei Betreuer: Andrew Lichtenthal als Leitender DLV-Verbandsarzt und die Physiotherapeuten Rainer Schubert und Norbert Müller. In Berlin eine Woche vor Ort sind zudem zwei Reporter, die auf hlv.de den Großteil der journalistischen Inhalte aufbereiten: HLV-Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit Jens Priedemuth (Fotos) und Uwe Martin (Texte). Wir werden über alle Hessen zeitnah berichten. Vergessen seien an dieser Stelle nicht die Mitarbeiter/innen der HLV-Geschäftsstelle, die am finalen Wochenende im Olympiastadion für Support sorgen.

Interessant, vielleicht sogar spektakulär, dürften nicht nur die Wettkämpfe in Berlin werden. Spannend ist nicht zuletzt die Frage, wie stark die Titelkämpfe medial durchdringen. In Zeiten, in denen die Sportart Fußball - nicht nur in der völlig überhöhten Causa Özil) - rasant zunehmend alles andere an den Rand, in die Nische, ins Abseits drängt. Und ob auch mal andere Athleten im Fokus stehen und nicht nur die, die gut „verkäuflich“ sind: Harting, Storl, Holzdeppe, Krause, Lückenkemper und noch ein paar mehr.

Nachfolgend gibt hlv.de einen Überblick, wann die Hessen in Berlin am Start sein werden.

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Montag, 6. August Es wird ernst für Kevin Kranz vom Sprintteam Wetzlar: Um 16.30 Uhr beginnt die erste Runde über 100 Meter. Der deutsche Meister hatte sich vor zwei Wochen in Nürnberg für die EM qualifiziert und damit seinen sensationellen Höhenflug - vorläufig - gekrönt. Dass der 20-jährige Polizeikommissar-Anwärter noch schneller laufen kann als 10,24 Sekunden, ist in Fachkreisen unstrittig. Für den Frankfurter ist die EM eine hochsommerliche Zugabe. Prognosen sind deshalb fehl am Platz. Go, Kevin!

Dienstag, 7. August Hessen ist erst in der Abendsession präsent. Und zwar um 19.45 Uhr mit dem Halbfinale über 400 Meter Hürden und Luke Campbell (LG Eintracht Frankfurt). Halbfinale? Ja, denn der 23-jährige Student ist einer von insgesamt acht DLV-Startern auf den Laufstrecken bis zur Stadionrunde, die von ihrer Top-12-Platzierung in der europäischen Jahresbestenliste profitieren. Heißt: Keine Runde eins, Einstieg direkt im Halbfinale. Was einen Schritt weitergedacht die gute EM-Perspektive von Campbell (p.B 49,14 Sekunden) verdeutlicht. Die Entscheidung über 100 Meter der Männer fällt um 19.25 Uhr (Halbfinale) und 21.50 Uhr (Finale).

Mittwoch, 8. August Früh aufstehen, heißt es zur Wochenmitte für Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach. Der 27-jährige deutsche 200-Meter-Vizemeister, Student der Berufspädagogik mit den Fächern Mathematik und Sportwissenschaften, geht mit einer persönlichen Bestzeit von 20,46 Sekunden ab 10.50 Uhr ins Rennen. Die sportliche Entwicklung des Quereinsteigers ist ähnlich fulminant wie jene von Kranz - wir sind einfach mal gespannt und hoffen auf den Einzug ins abendliche Halbfinale (20.15 Uhr). Und Homiyu Tesfaye? Der Mittelstreckenläufer von der LG Eintracht Frankfurt ist bislang noch bei fast jeder internationalen Meisterschaft den Beweis seiner (taktischen) Klasse schuldig geblieben. Insofern steht sein Zitat „Im Finale ist alles möglich“ gepflegt im Konjunktiv. Der 25-jährige Sportsoldat muss zunächst die erste Runde überstehen. Die Läufe beginnen um 12.15 Uhr. Danach steht fest, was seine persönliche Bestzeit (3:31,98 Minuten/2014) und seine Saisonbestzeit (3:36,03) wert sind …

Um 20.40 Uhr freuen wir uns auf die 10.000 Meter mit Natalie Tanner (LG Eintracht Frankfurt). Die junge Dame (22) kannte bis vor drei, vier Monaten kaum jemand, da sie in den Vereinigten Staaten lebt (Palo Alto) und studiert (Naturwissenschaften). Ihre Mutter stammt aus Frankfurt, die Tochter hat zwei Staatsbürgerschaften und geht mit einer persönlichen Bestzeit von 32:36,15 Minuten ins 25-Runden-Rennen. „Es ist für mich definitiv eine Heim-EM“, sagt Natalie Tanner.     

Donnerstag, 9. August 11.30 Uhr - Laufzeit für die erste Runde über 800 Meter mit dem Wiesbadener Marc Reuther. Auch bei dem 22-jährigen Studenten, der seine akademischen Anstrengungen weit hinter den Profisport gestellt hat, ist eine Prognose extrem schwierig. Seiner Saisonbestzeit (1:45,42 Minuten) steht ein taktisch misslungenes DM-Rennen entgegen, das Reuther als Dritter beendete. Reuther hat im Frühsommer extrem selbstbewusst über sein Potenzial für Zeiten unter 1:45 Minuten gesprochen. Um im Bild zu bleiben: Es wird Zeit, dass er dies bei einer Meisterschaft andeutet. Ähnlich der U23-EM im Vorjahr, als er Dritter wurde.

Bereits um 10 Uhr beginnt der Siebenkampf mit Carolin Schäfer (LG Eintracht Frankfurt). Was die 26-jährige Vizeweltmeisterin von sich erwartet, ist klar: eine Medaille. Die Polizeikommissarin zeigte in dieser Saison einige besorgniserregende Wettkämpfe im Kugelstoßring mit jeweils drei ungültigen Versuchen; präsentierte sich jedoch bei der EM-Qualifikation Ratingen mit 6.549 Punkten leistungsstabil mit Aufwärtstendenzen. Aber in Berlin geht es wohl nur um Silber und Bronze. Zu souverän war der Auftritt der belgischen Olympiasiegerin und Weltmeisterin Nafissatou Thiam (Belgien) in Götzis mit 6.808 Punkten. Carolin Schäfer ist die Nummer zwei der europäischen Jahresrangliste, dahinter folgen die 2016er Europameisterin Anouk Vetter (Niederlande/6.426 Punkte) sowie die Österreicherin Ivona Dadic (6.413 Punkte). „Aus meiner Sicht ist Gold weg“, sagt die Hessin. Aber wer weiß …

In der Abendsession stehen die Finalläufe über 400 Meter Hürden (20.15 Uhr/Campbell?) und 200 Meter (21.05 Uhr/Müller?) an.

Freitag, 10. August 10 Uhr oder 11.30 Uhr - dann ist Kathrin Klaas (LG Eintracht Frankfurt) in einer der beiden Hammerwurf-Qualifikationsgruppen gefordert. Mit 34 Jahren ist die Polizeikommissarin die älteste hessische Teilnehmerin und man würde ihr wünschen, dass nochmals ein großer Wurf gelingt. Schließlich ist es die letzte internationale Meisterschaft in ihrer langen Karriere. Leider vermitteln die Ergebnisse der zurückliegenden internationalen Titelkämpfe und die 2018er Resultate, ihr weitester Wurf ging auf 70,38 Meter, kaum Hoffnung. Doch vielleicht haut die von Verletzungen mal mehr, mal weniger geplagte Hessin nochmal einen raus und qualifiziert sich für das Finale (Sonntag, 19.30 Uhr). In etwa zeitgleich steigt Carolin Schäfer mit dem Weitsprung in den zweiten Siebenkampf-Tag ein (10.50 Uhr). High Noon an diesem Tag auch für Diana Sujew (LG Eintracht Frankfurt) über 1.500 Meter. Anders gesagt: Die Rennen der ersten Runde beginnen um 12 Uhr. 27 Jahre alt ist die Sportsoldatin und Studentin und in diesem Sommer mit 4:05,95 Minuten ganz dicht an ihre fünf Jahre alte persönliche Bestzeit herangelaufen. Das könnte für das Finale am Sonntag (20 Uhr) reichen. Abends stehen die Halbfinalläufe über 800 Meter (19.32 Uhr/Reuther?) und das Finale über 1.500 Meter (21.50 Uhr/Tesfaye?) im Zeitplan.

Samstag, 11. August Der vorletzte Tag ist entspannt aus hessischer Sicht. Morgens finden nämlich nur die Wettbewerbe im 20-Kilometer-Gehen statt, spät abends (21.30 Uhr) könnte aus Landessicht nur das 800-Meter-Finale relevant sein.

Sonntag, 12. August Mal etwas anderes, raus dem Olympiastadion. Start- und Zielbereich der beiden Marathon-Wettbewerbe ist der Breitscheidplatz, und dort steht um 9.05 Uhr auch Katharina Heinig im Pulk. Die 28-jährige Polizeikommissarin wusste am längsten, dass sie bei der EM dabei sein wird, seit Ende Oktober 2017. Damals wurde sie in Frankfurt deutsche Meisterin in 2:29:29 Stunden, den notwendigen Leistungsnachweis hakte sie im Februar beim Barcelona-Halbmarathon ab (1:14:18). Prognosen für Marathon-Meisterschaftsrennen enden oft im Nirwana, deshalb unterlassen wir dies. Hier wird Seite an Seite gekämpft, niemand weiß, welche Geschwindigkeit angeschlagen wird und wie hitzefest die Konkurrenz ist, Tempomacher und geplante Kleingruppen zum Abschirmen der Favoriten gibt es nicht. Diese Wettkampf-Ehrlichkeit ist nicht allgemeinverträglich - Katharina Heinig kann das! Abschließend, der Vollständigkeit halber: Abends ist im Olympiastadion die letzte Sause, unter anderem mit dem Hammerwurf-Finale (19.30 Uhr/Kathrin Klaas?) und dem letzten Lauf über 1.500 Meter (20 Uhr/Diana Sujew?)