Interview mit Klaus Schuder nach sechs Monaten im Amt – eine Bestandsaufnahme
  29.04.2020 •     HLV


Klaus Schuder ist seit einem halben Jahr Präsident des Hessischen Leichtathletik-Verbandes. Im Video-Interview zieht er Bilanz und äußert sich zur Lage des HLV in der aktuellen Corona-Krise.

 

Guten Tag Herr Schuder, zunächst eine persönliche Frage: Der Corona-Virus ist das bestimmende Thema dieser Tage. Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um?

Über Ostern wollte ich eigentlich mit meiner Familie zum Skifahren. Daraus ist leider nichts geworden. Gesundheitlich sind wir alle fit, meine Frau, meine ältere Tochter und ich befinden uns im Homeoffice. Unsere jüngere Tochter ist noch schulpflichtig und daher auch zu Hause. Als Polizist ist unser Sohn sozusagen in einem systemrelevanten Beruf. Die Zeit in den eigenen vier Wänden nutze ich, wie viele andere, um zu renovieren. Ich hoffe, dass es allen HLV-Mitgliedern gut geht. Bisher habe ich noch von keinem Corona-Fall eines Athleten, Trainers oder Betreuers im HLV gehört.

 

Wie fällt Ihre Bilanz aus nach einem halben Jahr an der Spitze des Hessischen Leichtathletik-Verbandes?

Aktuell steht natürlich die Corona-Krise mit ihren Auswirkungen im Fokus, so dass die anderen Themen in den Hintergrund geraten sind. Aber ob mit oder ohne Corona: Es ist eine Ehre und große Freude für mich diesen Verband anführen zu dürfen. Ich habe den HLV personell und strukturell in einer gesunden Phase übernommen. Der Verband ist dieser Tage sehr gut aufgestellt: Wir haben wieder die magische Mitgliedergrenze von 100.000 durchstoßen, aktuell sind wir der viertgrößte Landesverband im Landessportbund Hessen und der drittgrößte Verband im Deutschen Leichtathletik-Verband. Wir zählen da schon zu den Großen. Sportlich standen und stehen wir sehr gut da. Jetzt hoffen wir, dass wir die Krise gut überstehen und dann weitermachen können, so wie wir im November gestartet sind.

 

Erinnern Sie sich noch an den 16. November 2019, den Tag Ihrer Wahl. Was hatten Sie für Gefühle und Gedanken und was hat Sie in den ersten Wochen beschäftigt?

Ich war ja nun nicht ganz unvorbereitet. Meine Kandidatur war seit dem Frühjahr bekannt. Viele kannten mich bereits, da ich seit 2008 im Verband tätig bin, zunächst als Wettkampfwart und anschließend als Vize-Präsident. Es war aber spannend zu sehen, wie man wahrgenommen wird, wie die Wahl ausfällt, wie die Zustimmung ist. Daher hat es mich sehr gefreut, mit nur einer Gegenstimme gewählt worden zu sein. Innerlich war ich darauf vorbereitet, aber als es dann soweit war, war es ergreifend und eine große Freude und eine Bestärkung meiner Kandidatur. Die ersten Wochen im Amt waren davon geprägt, in einige Bereiche inhaltlich tiefer einzusteigen, zum Beispiel in die Themen Leistungssport, Wirtschaft und Finanzen. Dann kamen zahlreiche repräsentative Aufgaben hinzu, um sich als neuer Präsident an verschiedenen Stellen innerhalb und außerhalb des Verbandes vorzustellen, zunächst beim Landessportbund und beim Olympiastützpunkt. Ich wollte so schnell wie möglich den Kontakt zu Vereinen und Kommunen aufnehmen. Darüber hinaus habe ich an mehreren Sportgalas teilgenommen. Ende des Jahres fanden noch zwei Präsidiumssitzungen statt, bei denen vor allem an Strukturen gearbeitet worden ist und Aufgaben verteilt worden sind. Januar bis März haben meine Präsidiumskolleginnen und -kollegen und ich zahlreiche Kreistage besucht, intensiv mit den Vertretern vor Ort gesprochen und deren Themen aufgenommen.

 

Was sind eigentlich die Kernaufgaben des Präsidenten eines Sportverbandes mit über 100.000 Mitgliedern?

Generell geht es darum, den Verband und seine Mitglieder in der Innen- und Außenwirkung bestmöglich zu repräsentieren und die Verbandsinteressen zu vertreten. Das gilt sportintern beispielsweise gegenüber dem Deutschen Leichtathletik-Verband und dem Landessportbund Hessen. Ansprechpartner auf politischer Ebene sind zum Beispiel das Land Hessen, die Stadt Frankfurt und weitere Kommunen. Gemeinsam mit dem Präsidium werden Richtungsentscheidungen getroffen und mit dem hauptamtlichen Apparat im Hinblick auf die Umsetzung abgestimmt. Im eigenen Haus soll alles gut laufen und da vertrauen wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle mit Thomas Seybold an der Spitze. Wir sind personell sehr gut und in den Themen breit aufgestellt, das Tagesgeschäft läuft, es findet ein stetiger Austausch mit der Basis statt. Ich komme ja selbst aus der Vereinsarbeit, bin jahrelang Übungsleiter gewesen und nach wie vor im Hauptvorstand meines Heimatvereins als Beisitzer tätig. Ich bin also mit der Basis verwurzelt und lasse diese Erfahrungen in meine jetzige Arbeit einfließen.

 

Aktuell leiden wir unter der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Restriktionen. Im Bereich der Leichtathletik betrifft das verhängte Kontaktverbot die Schließung aller Sportanlagen und damit verbunden den Ausfall sämtlicher Sportveranstaltungen.

Wie geht das HLV-Präsidium mit dieser Situation um?

Wir verfolgen die aktuellen Geschehnisse sehr intensiv, treffen uns regelmäßig über Videokonferenzen, halten uns an die gesetzlichen Vorgaben und versuchen, unsere Mitglieder so schnell wie möglich zu informieren. Dabei helfen uns sehr engagiert die Trainer und Geschäftsstellenmitarbeiter. Zunächst waren wir bemüht, dass unsere Bundeskaderathleten weiter trainieren können, was jetzt gelungen ist. Die Schließung der Sportanlagen und Trainingszentren hat uns dann hart getroffen, da wir von unserer Seite keine Alternativen anbieten konnten. Aber auch den Breitensport treffen diese Einschränkungen hart. Für viele ist die Leichtathletik die Freizeitbeschäftigung Nummer eins und hier wiegt dann insbesondere der Ausfall der Vereins-, Kreis- und Verbandsveranstaltungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadien besonders schwer.

 

Welche Informationen werden als Entscheidungsgrundlage herangezogen?

In erster Linie halten wir uns an die Vorgaben, die aus der Politik kommen, also von der Bundes- und Landesregierung. Wir folgen den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden und beachten rechtliche Grundlagen in der Kommunikation. An erster Stelle steht die Gesundheit der Menschen. Auf diesem Hintergrund werden Maßnahmen getroffen und nach den besten Lösungen für unseren Sport gesucht.

 

Wie empfinden Sie die Reaktion der hessischen Leichtathletik-Gemeinde auf die Einschnitte?

Es ist eine neue Erfahrung, mit der wir alle umgehen müssen. Die Situation wird aber erstaunlich gut angenommen, in allen Lebensbereichen und auch im Sport. Es ist schön zu sehen, wie engagiert und voller Leidenschaft sich alle Sportler und Trainer neue Wege suchen. Wir alle hoffen, dass sich die Situation baldmöglichst verbessert.

 

Verfolgen Sie die kreativen Lösungen der Athletinnen und Athleten, wie sie sich online über neue Trainingsformen austauschen, z.B. über #hlvathome?

Das ist definitiv ein Thema in den Präsidiumssitzungen. Hut ab vor all dieser Kreativität unserer Mitglieder in allen Bereichen und auf allen Leistungsebenen. Wir diskutieren mit den Trainern, welche konkreten Umsetzungsmöglichkeiten sie haben. Ansonsten können wir ihnen nur zurufen: Seid kreativ, überrascht uns, nutzt alle Medien. Und hier sind wir positiv überrascht worden, denn auf allen Ebenen sind tolle Lösungen gefunden worden. Bei uns im Verein (TV 1861 Neu-Isenburg, die Red.) stellen Übungsleiter kurze Trainingsvideos in WhatsApp ein. Ich weiß, dass unsere Landestrainer intensiv Trainingspläne schreiben, teilweise findet Einzeltraining im Wald, auf Feldwegen oder in Parkanlagen statt, Trainingsmittel wurden auf die Athleten verteilt, Garagen werden zu Krafträumen umgebaut, die Straße vor dem Haus wird Sprintstrecke und so weiter. Mit Hilfe von Notebooks und Smartphones können die Trainer Einheiten aus der Ferne analysieren und Feedback geben. Dies alles dient aber dem Übergang und kann ein konsequentes Training nicht ersetzen, schon gar nicht das komplexe Techniktraining.

 

Wie wird es nun weitergehen?

Leider wurde für die Leichtathletik bis auf die Bundeskaderathletinnen und -athleten noch keine Lockerungen beschlossen, sodass wir hier nur offene Fragen haben. Ich hoffe im Laufe der Woche gibt es weiterführende Aussagen der Politik auf unsere Fragen. Wir hoffen auf weitere Lockerungen, die dann auf allen Ebenen im Verband greifen.

Die derzeitige Situation stellt uns natürlich vor Herausforderungen. Der HLV hat die Aufgabe eine Struktur und einen Fahrplan zu erarbeiten. Wir sind aber letztlich abhängig von den Entscheidungen der Politik, müssen dennoch verschiedene Szenarien durchspielen und darauf vorbereitet sein. Prinzipiell besteht die Hoffnung, dass wie im Profifußball die Trainingsstätten unter Auflagen, wie unter anderem die Regelung von Gruppenstärke, Abstand und zeitlicher Nutzung, wieder geöffnet werden und die Athletinnen und Athleten das Training wieder aufnehmen können. Ein Vorbild könnte hier die aktuelle Schulorganisation mit ihrer sukzessiven Wiedereröffnung sein. Ich sehe hier ein hohes Maß an Eigenverantwortung unter den Aktiven gegeben. Mittelfristig, in vielleicht sechs bis acht Wochen, wäre es schön, wenn zumindest kleinere Wettkämpfe stattfinden könnten, in welcher Form auch immer. Vermutlich zunächst als sogenannte Light-Version ohne Zuschauer und mit eingeschränkter Teilnehmerzahl. Das Ziel ist es eine kleine, aber feine Wettkampfsaison von Juli bis September realisieren zu können mit Landes-, Regional- und Kreismeisterschaften und Sportfesten.

 

Es wird ein Leben nach der Bewältigung der Corona-Pandemie geben.

Welche Auswirkung wird die Corona-Zeit in Ihren Augen für die Zukunft des deutschen Sports im Allgemeinen und für die Leichtathletik im Speziellen haben?

Die ganzen Geschehnisse müssen mit etwas Abstand nochmal aufgearbeitet werden. Man hört es überall, so etwas hat es in Deutschland in dieser Form noch nicht gegeben, jeden Tag Sondersendungen im Fernsehen, Ansprachen von Bundeskanzlerin und Bundespräsident. Die entscheidende Frage ist doch: Wie gehen wir heute und in Zukunft damit um? Denken wir an das Thema Ausstattung und Beschaffung von Schutzkleidung. Den Sportverbänden ist der Umgang mit der Pandemie in meinen Augen sehr gut gelungen. Dabei ist es gar nicht so einfach einen Gleichklang auf den verschiedenen Ebenen herzustellen, angefangen vom Deutschen Olympischen Sportbund bis runter in die Kreisverbände. Man bedenke lediglich die Tatsache, dass die verordneten Maßnahmen in den Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich ausfallen. Eine Herausforderung ist zweifelsohne das komplexe Thema Kontrollsystem, das momentan zum Erliegen gekommen ist. Wir stellen uns die Frage, wie wir Schlupflöcher vermeiden und die Chancengleichheit gewährleisten können, wenn es wieder losgeht.

 

Kann die Leichtathletik als Sportart gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen? Gefühlt begegnet man dieser Tage so vielen Joggern wie noch nie.

Ich bin ja selbst noch aktiver Wettkämpfer und momentan noch öfter als sonst im Wald unterwegs. Dort begegne ich vielen Joggern, weshalb ich diesen Eindruck bestätigen kann. Da ist schon ordentlich Betrieb. Die Gesundheit ist wieder mehr in den Fokus gerückt. Jeder hört gerade auf seinen Körper, macht sich Gedanken und stellt dann häufig fest, dass das eine oder andere Verhalten der Gesundheit nicht förderlich gewesen ist. Meine Hoffnung ist es schon, dass die Leute insgesamt bewusster leben werden, mehr für sich selbst tun. Denjenigen, die aktiver werden wollen, bietet die Leichtathletik jede Menge Breitensportangebote für alle Altersklassen. Ich empfehle allen Vereinen diese Chance zu nutzen und auf die Leute zuzugehen, macht Werbung und zeigt den Menschen, wie schön Leichtathletik sein kann. Aber auch für Sponsoren, die sich gerne in der Leichtathletik engagieren möchten, bietet sich nun die Gelegenheit dazu. Es muss nicht immer Fußball sein. Leichtathletik ist vielfältig, spannend und emotional. Und Leichtathletik ist beliebt.

 

Welche Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre weitere Amtszeit gesetzt?

Wie bereits gesagt, habe ich den Verband in sehr gutem Fahrwasser übernommen. Die große Mehrheit des alten Präsidiums gehört auch dem neuen an. Ein sehr gutes Team, das ich sehr schätze. Stillstand soll es keinen geben, damit der Erfolg weiterhin bleibt. Wir möchten die Öffentlichkeitsarbeit forcieren, das Breitensportangebot nach außen tragen, die Kommunikation innerhalb des Verbandes auf allen Ebenen pflegen und wirtschaftlich wie finanziell auf gesunden Beinen stehen.

 

Der HLV feiert 2022 sein 75-jähriges Bestehen. Haben Sie bereits Ideen für dieses Ereignis?

Wir sind uns dieses Themas bewusst und erste Ideen sind auch schon entwickelt. Wir planen verschiedene Veranstaltungen und einen Festakt. Dazu wollen wir die HLV-Historie aufarbeiten und hier gebührt ein herzlicher Dank meiner Amtsvorgängerin Anja Wolf-Blanke, die sich diesem Thema angenommen hat. Es wird ein Organisationskomitee ernannt werden, das ein entsprechendes Programm ausarbeiten wird. Dabei möchten wir alle Bereiche mit einbeziehen. Das kommende Jahr wird intensiv für die Vorbereitungen genutzt werden, um dieses Ereignis gebührend zu feiern.

 

Welche Schlagzeilen wünschen Sie sich für den HLV-Verbandstag 2022?

Da kommt mir spontan Folgendes in den Sinn: Rückenwind von der Basis – Das Präsidium geht geschlossen in die nächste Amtszeit. Diese Schlagzeile würde mich in der Tat sehr freuen, funktioniert doch die interne Zusammenarbeit sehr gut. Deshalb wäre es auch mein Wunsch mit dieser Mannschaft weiterarbeiten zu können. Ansonsten darf gerne berichtet werden, dass der HLV weiter auf Erfolgskurs bleibt, die Mitgliederzahlen stabil sind, der HLV sportlich im Landesvergleich auf einem vorderen Platz liegt und das wirtschaftliche Fundament gesund ist.

 

Herr Schuder, wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview. Bleiben Sie gesund.