Ilyas Osman „geht steil durch die Decke“
  23.03.2018 •     Leistungssport


Seit einigen Monaten mischt ein junger Mann die hessische und deutsche Laufszene auf, der in Wiesbaden eine neue Heimat gefunden hat: Ilyas Osman aus Somalia, 18 Jahre alt, sein Trainer ist Günter Jung vom TV Waldstraße. In den DLV-Jahresbestenlisten U20 des vergangenen Jahres wird Osman jeweils ganz unten außerhalb des Rankings mit folgender Zusatzbemerkung geführt: „Nicht bei DM teilnahmeberechtigt“. Weil er nicht eingebürgert ist, also keinen deutschen Pass besitzt, kann der Ostafrikaner nur bis einschließlich süddeutschen Titelkämpfen an den Start gehen. Diese Regelung gilt seit 1. Januar 2017. „Diese sehr zweifelhafte Entscheidung des DLV gegen eine Integration hat für viel Unverständnis und Diskussionen gesorgt“, sagt sein Förderer Jung. Es gibt natürlich auch Trainer, die in dieser Causa d’accord sind mit dem DLV. Jung hat im vergangenen Jahr sogar Anträge gestellt, damit sein Schützling bei deutschen Meisterschaften außer Konkurrenz dabei sein kann - sie wurden abgelehnt. Ebenso Anträge für 2018, sie sollten Osman bei der Cross-DM (10. März) und den nationalen 10.000-Meter-Meisterschaften (12. Mai) zwei hochwertige Starts in der U23-Altersklasse ermöglichen, obwohl er noch der U20 angehört. Quasi ein Kompromissvorschlag. Auch dies wurde abgelehnt.

Wäre Osman beim DLV gelistet wie seine Konkurrenten mit deutschem Pass, würde er folgende Platzierungen einnehmen: 1.500 Meter (3:53,64 Minuten/10.), 3.000 Meter (8:29,33 Minuten/2.), 5.000 Meter 14:12,98 Minuten/1.), 10 Kilometer Straßenlauf (30:31 Minuten/1.). Hinzu kommt, dass der Somalier Ende 2017 bei den bedeutenden Cross-Events in Darmstadt und Pforzheim die namhaften U20-Mitbewerber regelrecht deklassiert hat. Um etwa 30 Sekunden, also eine Läuferwelt. Insofern erschließt sich die Einschätzung von Mittelstrecken-Bundestrainer Georg Schmidt („Ilyas ist vergangenes Jahr steil durch die Decke gegangen“).

Doch wie weiter? Osman träumt von einem Start bei Olympischen Spielen, in diesem Jahr bei deutschen Meisterschaften über die Mittel- oder Langstrecke. Jung hat bereits die DLV-Normen für die U20-WM in Tampere (Finnland) recherchiert. Zum Limit über 5.000 Meter fehlen bislang nur knapp drei Sekunden. Doch hinter all diesen Zielen steht als Grundlage, dass Osman einen deutschen Pass hat. Der Asylantrag wurde vor zwei Jahren gestellt, sein Aufenthaltsstatus ist nicht klar definiert, was genau er machen muss, um die Sache voranzubringen, weiß Jung nicht. Er ist kein Fachmann, investiert aber Stunden um Stunden, Woche für Woche, Monat für Monat. Ehrenamtlich. Um eine Einbürgerung innerhalb von drei Jahren wie bei dem Frankfurter Olympia- und WM-Teilnehmer Homiyu Tesfaye (2010 bis 2013) zu erreichen, bräuchte Osman wohl einen Fürsprecher, wie es der damalige Bundestrainer Wolfgang Heinig gewesen ist.

Dabei hat der Hessische Leichtathletik-Verband durchaus Erfahrung mit jungen Läufern, die aus Ostafrika gekommen sind. Wie jung sie tatsächlich sind, darüber wurde kontrovers diskutiert, gestritten. Anfang der 2000er Jahre war es Terefe Desaleng, der von der LG Eintracht Frankfurt gefördert, mit 19 Jahren deutscher Juniorenmeister im Halbmarathon, 10-Kilometer-Straßenlauf und Crosslauf wurde. Zeitlich präsenter ist die Causa Abdi Uya Hundessa, der für den LC Mengerskirchen deutsche Titel gewann - bis Ende 2014 Dokumente und Fotos auftauchten, die an seiner Identität und seinem Geburtsjahr belastbare Zweifel aufkommen ließen. Der HLV sperrte ihn für U20/U23-Wettbewerbe, Hundessa wechselte den Landesverband. Und bis heute sind im Internet Texte einsehbar, in denen das Alter von Tesfaye in Frage gestellt wird. Gemein ist allen drei Genannten, dass sie in Äthiopien geboren wurden, in ihrer Jugend eine recht extrem ausgeprägte Physiognomie hatten und im Nachwuchsbereich ihren deutschen Konkurrenten auf und davon liefen.

Jung kennt die drei Beispiele, und einige andere. Er weiß um die sensiblen Befindlichkeiten in der Laufszene und ist natürlich ein Verfechter der Chancengleichheit. Auch deshalb wurde bei seinem Schützling, dessen Geburtsdatum offiziell der 14. August 1999 ist, Mitte Januar 2018 auf freiwilliger Basis eine Altersbestimmung vorgenommen. Der Befund der Praxis für Radiologie und Nuklearmedizin: „Nach dem Röntgenatlas der normalen Hand im Kindesalter von Greulich und Pyle ergibt sich bei dem 18 5/12 Jahre alten Knaben ein gering akzeleriertes Knochenalter von 19 Jahren. Die Epiphysenfugen sind vollständig geschlossen. Bei der aktuellen Größe von 1,71 Metern ergibt sich nach der Methode nach Bayley und Pinneau eine prospektive Endgröße von 1,71 Metern.“  

Was bei Osman sportfachlich verblüfft, ist sein aktueller Leistungsstand und wie rasant er sich mit nur 22 Monaten Leistungstraining zu einem Topathleten entwickelt hat. Der junge Mann, der alleine nach Deutschland gekommen ist und nicht weiß, ob seine Eltern noch leben, wurde nach seiner Ankunft in einer Gruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen; seine Betreuer nahmen dann Kontakt mit dem TV Waldstraße Wiesbaden auf. „Ich bin schon lange im Trainergeschäft. Aber solche Anlagen habe ich noch nie gesehen“, sagt Jung.

Begonnen hat Osman im Dezember 2015, sportlich komplett unausgebildet, wie Jung erzählt, auf dem Niveau vieler Hobbyathleten. Es gab massive Rückschläge, etwa muskuläre Schwierigkeiten, einen Ermüdungsbruch und eine Blutanämie, doch bereits 2016 lief er die 10 Kilometer in 33:13 Minuten. Ein Jahr später war Osman allen enteilt. „Er hat sich nie entmutigen lassen. Aber auch die gelungene Integration in die Trainingsgruppe hat ihn vorangebracht“, sagt Jung. „Dass es mit der Einbürgerung derzeit nicht weitergeht, sich nichts tut, belastet Ilyas stark. Und uns natürlich auch.“