Aus dem Leben eines Mehrkämpfers
  04.03.2022


Thomas Stewens ist leidenschaftlicher Leichtathlet - und ein sehr erfolgreicher dazu. Letztes Jahr hat der vielfach ausgezeichnete Spitzenathlet des SV Fun-Ball Dortelweil in Bad Nauheim einen Weltrekord im Zehnkampf der Alterklasse M55 aufgestellt. Kürzlich holte der 56-Jährige bei der Hallen-Fünfkampf-EM in Braga, trotz einer Disqualifikation im Hürdenlauf, die Bronzemedaille. Exklusiv für den HLV gibt der fünffache Familienvater, Bankvorstand und Trainer Einblicke in seine Gefühlswelt und was es ihm bedeutet, sportlich aktiv zu sein. Ein Plädoyer für die Leichtathletik.

Endlich ist es wieder soweit. Endlich ein leichtathletisches Großereignis, bei dem man wieder internationale Freunde treffen kann, die alten Geschichten vor dem Vergessen bewahrt, Inspiration sammelt und die zukünftigen Legenden von unbändiger Willenskraft und Lebensfreude, aber auch Ehrfurcht einflößenden Leistungen live miterlebt. Dabei sind die Medaillen sicherlich nicht ganz unwichtig, viel wichtiger aber sind die Geschichten, die man hört und sieht: Ein Mehrkämpfer, der nach mehrfachen Operationen und Schicksalsschlägen nur ein Ziel hat: Noch einmal bei einer EM oder WM dabei zu sein. Ein Läufer, der mit 60 Jahren schon bettlägrig und von schlimmen arthrosebedingten Schmerzen geplagt, den Sport für sich entdeckte und mit 80 Jahren annähernd schmerzbefreit Höchstleistungen erbringt. Aber auch Athleten, die erst vor wenigen Jahren mit der Leichtathletik begonnen haben und die sich über einen 4. Platz freuen, als wäre es Olympiagold. Und so ist jeder, der hier antritt und seinen Wettkampf bestreiten kann, schon ein Sieger.

Für uns alle ist diese Europameisterschaft etwas ganz Besonderes und das Schöne an einem solchen Großereignis ist, dass sie sich ihren Weg bahnt. Die Familie und die Kollegen verstehen, dass hier etwas Wichtiges passiert. Nicht für die Welt, aber für uns, für jeden einzelnen von uns. Und so befreie auch ich in den letzten Wochen vor dem Start meinen Kalender von allen Themen, die nicht unbedingt notwendig sind und bereite mich akribisch auf meinen Mehrkampf vor. Die letzten Wochen sind konzentriert: Wesentliche Schwächen in den Einzeldisziplinen bearbeiten, Anläufe sichern, physische Probleme in den Griff bekommen, ein Besuch beim Chiropraktiker. Eigentlich müsste alles sitzen. Eigentlich. Der Wettkampf wird ganz anders. Eine Disqualifikation beim Hürdenlaufen, im Sturz die Hürde mit den Händen umwerfend, beginne ich statt wie gewohnt vorne, den Fünfkampf auf dem letzten Platz. Der Traum vom Weltrekord geplatzt. Meine Trainerin Amaliya Sharoyan formuliert ein neues Ziel: Medaille! Das scheint mit 0 Punkten aus den Hürden ambitioniert, hält mich aber mental im Wettkampf. Am Ende funktioniert das sogar und nach einem intensiven 1000m Rennen ist dann auch Vieles vergessen. Wir Mehrkämpfer liegen uns in den Armen und feiern jeden, der das Ziel erreicht hat.

Und beim Abschied spürt man noch einmal den Zusammenhalt der großen Leichtathletik-Familie, aber auch ein wenig Wehmut - doch wir sind uns sicher, dass wir dabei bleiben. Jeder kennt seine eigenen Herausforderungen und kann die Beschwörungen beim Abschied einordnen, dass wir uns zum nächsten Großereignis wiedersehen werden.

Thomas Stewens

 

Tipp: Lesenswerte Interviews mit Thomas Stewens finden sich auf leichtathletik.de


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