HLV-Report: Trainingsorganisation in Zeiten der Pandemie (Teil 1)
  23.05.2020 •     HLV


Der HLV begleitet in den kommenden Wochen fünf Vereine bei ihren Herausforderungen. Im ersten Teil der Serie berichten sie über ihre Erfahrungen in der Vorbereitung und Startphase der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes.

 

Seit dem 9. Mai dürfen hessische Sportstätten unter strengen Auflagen wieder zu Trainingszwecken genutzt werden. Die Organisation rund um Hygienekonzepte, Kontaktregelungen und Trainingsgruppengestaltung stellt die hessischen Vereine vor immense Herausforderungen. Sie sind gezwungen unter den örtlichen Bedingungen ganz individuelle Lösungen zu finden, wobei viele mit denselben Problemen kämpfen. Zahlreiche Vereine haben unter massiven Einschränkungen das Training wieder aufgenommen, einige basteln noch an der praktikabelsten Vorgehensweise und wieder andere stehen vor dem Dilemma, dass der Betreiber ihren Sportplatz noch gar nicht wieder freigegeben hat.

Der HLV möchte seinen Mitgliedern nahe sein und erfahren, wie die Vereine mit den aktuellen Herausforderungen umgehen. Wir möchten den Vereinen die Möglichkeit geben sich zu informieren, wie andere Vereine die schwierigen Aufgaben meistern. Deshalb werden wir über die kommenden Wochen fünf Vereine begleiten und über deren Erfahrungen berichten.

Wie werden die Vorgaben umgesetzt? Welche Wege gehen die Vereine? Wie sehen die ersten Erfahrungswerte aus? Mit welchen konkreten Problemen haben die Vereine zu kämpfen? Welche Wünsche werden formuliert? Mit diesen und anderen Fragen möchten wir uns in dieser Serie beschäftigen. Es handelt sich um die Vereine: TV Okriftel, LSG Selters, LCO Lorsch, TuSpo Borken sowie Königsteiner LV. An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich für deren Bereitschaft bedanken, Einblicke in die interne Arbeit zu gewähren. Hier der erste Teil der Serie zwei Wochen nach der offiziellen Erlaubnis zur Wiedereröffnung der Sportstätten.

In den telefonischen Gesprächen mit den Vereinsvertretern wurde deutlich, dass die Verantwortlichen vor großen Herausforderungen standen und noch immer stehen. Sie fragten sich als allererstes: Wie soll ich die Flut an Vorgaben für unseren Verein in ein Gesundheitskonzept packen und in die Praxis umsetzen? Schließlich gelang es allen nach diversen internen (Video-)Diskussionsrunden eine tragfähige Strategie zu entwickeln. Es wurde aber auch deutlich, dass es sich hierbei nur um einen stetigen Erkenntnisprozess handeln kann. Die Vereine werden Erfahrungen machen und ihre Konzepte dementsprechend anpassen.

Den zuständigen Stellen vor Ort legten die Vereine ihre individuellen Ausarbeitungen vor, die unter anderem Kontakt- und Hygieneregeln sowie wöchentliche Belegungspläne enthielten. Die Zusammenarbeit funktionierte unisono reibungslos und die Freigaben kamen allesamt zeitnah, was für die Qualität der Ausarbeitungen spricht. „Wir waren flott und haben das Konzept bereits am 8. Mai bei der Stadt eingereicht“, berichtet Katja Weinig, beim Königsteiner LV für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Am 10. Mai haben wir alle Verantwortlichen des Vereins per Videokonferenz instruiert und am 12. Mai haben wir die Freigabe bekommen.“ Orientiert haben sich die Planer vornehmlich an den Handlungsempfehlungen von HLV und DLV, aber auch an den Leitlinien von LSB und DOSB. Speziell die HLV-Vorlage wurde durchweg als sehr hilfreich bewertet. Manuel Odey, Abteilungsleiter beim TV Okriftel, lobt die „defensive Grundhaltung“ und der 2. Vorsitzende der LSG Selters, Thomas Laux, wird deutlich: „Es geht darum diese Pandemie zu bekämpfen, also ist Disziplin gefragt die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.“ Da es sich bei sämtlichen Verbandsausarbeitungen um Empfehlungen handelt, sind leichte Abwandlungen je nach individuellen Gegebenheiten zweckmäßig. Zum Beispiel gibt es kleine Unterschiede bei den Themen Gruppenanzahl, Gruppenstärke sowie bei der Handhabung des Corona-Fragebogens.

Trotz der Komplexität der organisatorischen Aufgaben haben bis heute alle fünf Vereine den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen – der eine etwas früher, der andere etwas später. Hier greift die oberste Maxime: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Der gängige Weg zeigt einen stufenweisen Einstieg in den Trainingsbetrieb. Neben Kaderathleten und Leistungssportlern wurden zunächst die Trainingsgruppen der Jugendlichen organisiert. Im nächsten Schritt sollen immer mehr Breitensportler und Kinder wieder trainieren dürfen. Beim TuSpo Borken hat man sich dafür entschieden, bereits jetzt wieder Kinder ab sechs Jahren trainieren zu lassen. Abteilungsleiterin Jutta Junker: „Wir gehen dieses Experiment bewusst ein. Die Erfahrung wird schnell zeigen, ob es realisierbar ist.“

Dass die neuen Regelungen gut angenommen werden, zeigen bereits die Eindrücke der ersten Tage. „Es funktioniert besser als erhofft, alle sind sensibilisiert und ziehen vorbildlich mit. Die Sportler sind happy, dass sie ein Stück Lebensqualität zurückhaben“, so Thomas Laux. Alle Verantwortlichen betonen die Vorbildfunktion der Aktiven in diesen Tagen, speziell anderen Sportarten gegenüber, die noch nicht starten durften und neidisch auf die Leichtathleten schauen.

Auf Grund der nicht eindeutigen Lage zum Desinfizieren von Sportgeräten wird weitestgehend auf deren Benutzung verzichtet. Der LCO Lorsch hat sein Hochsprung-Training folgendermaßen geregelt: „Pro Einheit darf nur ein Athlet teilnehmen, damit eine ausreichende Desinfektion der Anlage gesichert ist“, erklärt Pressewart Markus Hascher. Der vereinseigene Fitnessraum bleibt als Vorsichtsmaßnahme während der nächsten vier Wochen geschlossen.

Bereits jetzt stellen Vorgaben wie eingeschränkte Gesamtnutzerzahlen und Gruppenstärken oder niedrige Trainer-Athleten-Schlüssel die Organisatoren vor Probleme. Die Kleingruppen ziehen eine Erhöhung der Trainingseinheiten nach sich und bedürfen einer höheren Anzahl an Trainern, was von den wenigsten Vereinen geleistet werden kann. Hinzu kommt der erhöhte Aufwand zur Vorbereitung des Trainings. Ehrenamtler sehen ihre Kapazitätsgrenze angesichts des gestiegenen zeitlichen Bedarfs erreicht. „Es ist sehr viel Aufwand“, beschreibt Jutta Junker ihre Situation. „Meine Trainingstage sind von zwei auf drei gestiegen. Und trotzdem hat jeder Sportler insgesamt weniger Einheiten.“ Ihr Wunsch zur Verbesserung der Situation: „Eine Erhöhung der Grenzzahlen wäre bombastisch.“

Sollten sich die Infektionszahlen in den kommenden Wochen positiv entwickeln, könnte dieser Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen. Dies wäre auch nötig, denn derzeit stehen die Vereine angesichts der großen Zahl an wartenden Athleten vor einer unlösbaren Aufgabe. Voraussetzung hierfür ist allerdings die strikte Einhaltung der aufgestellten Regeln. Und dann müsste die Landesregierung die neuen Richtwerte noch offiziell freigeben. Anfang Juni wird man nach dem nächsten Corona-Gipfel mehr dazu wissen. „Das Dümmste ist die Ungewissheit“, sinniert Manuel Odey vom TV Okriftel. Genauso wie seine vier Mitstreiter hat er deshalb noch keinen konkreten Zeitplan erarbeitet. Jedoch hat er mit seinen Vereinskollegen eine To-do-Liste erstellt, um vorbereitet zu sein: „Darauf steht zum Beispiel das Thema Kinderleichtathletik und dass die Toiletten der angrenzenden Schule wieder benutzt werden können.“

Die Leichtathletik hat gegenüber Kontakt- und Ballsportarten in der jetzigen Situation von ihrem Wesen her einen Vorteil. Aber in absehbarer Zeit – wenn nicht schon geschehen – werden auch andere Sportarten, wie in vielen Fällen der Fußball, den Trainingsbetrieb auf den Sportplätzen wieder aufnehmen. „Das wird spannend“, prophezeit Thomas Laux und fügt hinzu: „Hier wird es darum gehen, so schnell wie möglich in eine enge Abstimmung zu kommen.“

Im nächsten Teil der Serie, der Ende Juni erscheinen soll, möchten wir uns unter anderem mit den neuesten Verordnungen der Landesregierung und deren weiteren Auswirkungen auf den Vereinssport befassen. Wir gehen auch der Frage nach, wie das Zusammenspiel verschiedener Sportarten auf einem Trainingsgelände funktioniert. Die fünf Vereine werden uns wieder an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.

Der HLV steht mit seinen Kreisvertretern, Trainern und Sportlern in engem Kontakt. Es freut uns unglaublich zu sehen, wie die Mitglieder von Anbeginn der Krise bis heute ein verantwortungsbewusstes Weitermachen leben. Gelungene – und zurecht oft kopierte – Maßnahmen sind beispielsweise virtuelle Lauftreffs und online bereitgestellte Trainingsübungen. Katja Weinig vom Königsteiner LV: „Wir haben als besondere Angebote eine Lauf-Challenge speziell für den Nachwuchs organisiert und bieten eine Online-Pinnwand mit verschiedenen Übungen an.“ Davon zeigt sich HLV-Präsident Klaus Schuder beeindruckt: „Hut ab vor all dieser Kreativität unserer Mitglieder in allen Bereichen. Es ist fantastisch zu sehen, wie grenzenlos weit das Engagement reicht.“