Berliner Currywurst im EM-Club
  12.08.2018


Der EM-Club des Deutschen Leichtathletik-Verbandes im Hotel Interconti war stets gut und prominent besucht. Seit Dienstag wurden hier spätabends die vielen deutschen Medaillengewinner und besser Platzierten auf der Bühne von Markus Othmer interviewt, anschließend gab es ein Sponsoren-Präsent und zum guten Schluss alkoholfreies Bier aus einem XXL-Glas. Bis etwa zwei Uhr nachts wurde im EM-Club auch unter Funktionären im besten Sinne genetzwerkt - den Hessischen Leichtathletik-Verband repräsentierten an der Spitze die Präsidentin Anja Wolf-Blanke sowie die Vizepräsidenten Klaus Schuder und Sven Lindemann.

Am Samstag war letztmals Einlass. Natürlich waren die aktuellen Goldmedaillen-Gewinner Mateusz Przybylko(Hochsprung) und Malaika Mihambo (Weitsprung) sowie die Diskuswerferinnen Nadine Müller (Silber) Shanice Craft (Bronze) erschienen. Zum Finale gaben sich auch viele Ehemalige die Ehre: Heike Henkel und Sabine Braun, Norbert Dobeleit, Tanja Damaske, Heike Drechsler; gesehen wurden auch Zehnkampf-Europameister Arthur Abele (mit privatem Fanclub), Julia und Robert Harting, Sabrina Mockenhaupt mit Freund, der Olympiadritte Daniel Jasinski, der Hamburger Marathon-Renndirektor Frank Thaleiser, Franz-Josef Kemper vom Leichtathletik-Förderverein Hessen mit Gattin Sylvia Schenk und, und. 200, vielleicht 300 Menschen mögen es jeden Abend gewesen sein, die bei Speis und Trank und Musik zueinander fanden. Europäische Honoratioren inbegriffen.

Und wenn man das Motto des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin (Klaus Wowereit: „Berlin ist arm, aber sexy“) etwas abwandelt, könnte die Hoffnung der DLV-Funktionäre und der Deutschen Leichtathletik Marketing GmbH in etwa so beschrieben werden: Erfolg muss jetzt sexy machen! Sprich interessant werden für Sponsoren und Partner, die Geld in die Kasse spülen. Soviel ist sicher: Der Stellenwert der Leichtathletik dürfte in den Tagen von Berlin gestiegen sein, DLV-Präsident Jürgen Kessing sprach von einem Schub für seine Sportart.

Vor dem abschließenden Sonntagabend hatten die deutschen Athleten 17 Medaillen gewonnen, das sind mehr als unser Nachbarland Österreich Teilnehmer entsendet hat (15). Die EM in Berlin, so viel steht fest, ist ein Erfolg geworden. Die Zuschauerzahlen im Olympiastadion sind stimmig gewesen, die Atmosphäre war in den Abendsessions bisweilen sensationell, die TV-Quoten passen, die Leistungen - wie erwähnt - ebenfalls.

Was dem geneigten Publikum in Erinnerung bleibt, sind die besonderen Momente im Stadion. Vielleicht eine Generation lang, bisweilen länger. Wenn die Wurfscheibe im letzten Versuch segelt wie bei Harting, dem Älteren, bei der WM 2009 an gleicher Stätte und anschließend das Trikot zerfetzt wird; wenn Jan Fitschen unerwartet 10.000-Meter-Europameister wird (2006); wenn Heike Drechsler mit 35 Jahren ihr zweites Olympia-Gold im Weitsprung gewinnt (2000). Den Älteren kommt gewiss das epische Weitsprung-Duell bei der WM 1991 zwischen Mike Powell und Carl Lewis in den Sinn.

Soweit ist Hochspringer Przybylko noch nicht; aber sein Wettkampf erinnerte an den Olympiasieg 1984 des großen Dietmar Mögenburg. Alle Höhen im ersten Versuch, alle Konkurrenten abgeräumt. Mögenburg stoisch bis zur Eiseskälte, Przybylko wie im Rausch. Als nachts im EM-Club von den dienstbaren Geistern noch 500 Berliner Currywürste gereicht wurden, griff der Hochsprung-Europameister spontan zu. Bis sein Trainer Hans-Jörg Thomaskamp kam, die Porzellanschüssel zurückstellte und die Beobachter irritiert zurückließ. Was war das denn? Nein, keine Hungerkur, versicherte Przybylko am nächsten Tag. Es hätten noch Gespräche geführt werden müssen. Sicher, Kohldampf hätte er schon gehabt, großen sogar, durchsetzen konnte oder wollte er seine Currywurst jedoch nicht. „Er ist halt Papa zwei für mich.“